Highlight-Speaker der BUKO im Exklusiv-Interview

Sven Gábor Jánszky (45) ist Zukunftsforscher und Chairman des größten unabhängigen Zukunftsforschungsinstituts in Europa. Er hat mehrere Bücher rund um Management und die Zukunftsstrategien verschiedener Branchen veröffentlicht. Exklusiv steht er uns Rede und Antwort zu den Kernthemen der BUKO.

Das Motto unserer BUKO lautet Innovation, Integration, Industrie. Ist der Standort Deutschland innovativ genug?

Es gibt viele Arten von Innovationen, schwache und starke. In der schwachen Innovation, der inkrementellen Verbesserung und Optimierung sind wir Deutschen Weltmeister. Das ist die vielgepriesene deutsche Ingenieurskunst. Aber in den starken Innovationen, der disruptiven Zerstörung von alten Geschäften durch gänzlich neue Technologien und Geschäftsmodelle liegt Deutschland weit hinter den weltbesten Innovatoren zurück. Das ist nicht nur gefährlich für das Land, sondern auch dumm. Denn wir haben das Potenzial für so viel mehr, aber wir scheitern mit unserer Mentalität. Thema Integration: Wird Ihrer Meinung nach bereits genug getan oder wo sehen Sie die größten Herausforderungen? In der StartUp-Welt gibt es das geflügelte Wort: „Execution is King!“ Genauso könnte man sagen: Integration is King! Denn integrieren von Neuem in Bestehendes ist die Königsdisziplin jedes Innovationsprozesses. Neue Technologien, neue Menschen, neue Denkweisen … Allzuoft scheitern die besten und klügsten Strategien, weil die Integration in Unternehmen und Gesellschaft nicht gelingt. Denn es geht bei Innovation in Wahrheit nicht um Strategien, sondern um das Verändern von automatisierten Denk- und Verhaltensmustern in unseren Köpfen. Diese kann man sich nicht verbieten oder neu wünschen. Die kann man nur verändern, wenn man sich selbst bewusst in eine Krise begibt, in der man den alten Denk- und Verhaltensmustern nicht mehr folgen kann. Eine solche selbstgewollte Krise herbei zu führen und bewusst zu Durchlaufen, um am Ende mit neuen, besseren Denkweisen herauszukommen, ist der Schlüssel zur Integration.

Viele reden gerne von Industrie 4.0. Wie wird die Digitalisierung weiter in die industrielle Produktion einwirken?

Industrie 4.0 ist aus Sicht eines Zukunftsforschers das größte deutsche Missverständnis. Denn alle reden nur darüber, Dinge zu vernetzen und Prozesse zu automatisieren. Das ist auch wichtig, aber dies sind nur 10% von dem was technologisch wirklich passiert. Die anderen 90% der Veränderung kommen aus der Analyse von Daten mit künstlicher Intelligenz und Quantencomputern. Die Folge sind Predictive Enterprises und adaptive Produkte – also Software, die ständig die nahe Zukunft prognostiziert und damit Prozesse und Menschen steuert sowie Produkte und Services, die ständig auf Basis von Echtzeit- und Prognosedaten individuell situativ auf die sich verändernden Nutzungsbedürfnisse angepasst werden.

Wie wichtig werden berufliche Netzwerke für unsere Arbeit und Beziehungen in Zukunft sein?

Netzwerke sind der Schlüssel für die Zukunft. Denn wir gehen in eine Welt der Vollbeschäftigung. In den nächsten 20 Jahren wird es in Deutschland viel zu wenige Menschen für viel zu viele Jobs geben. Das ist die Zeit, in der bei jedem Menschen aller zwei Wochen der Headhunter mit einem neuen Jobangebot anruft. Nicht alle werden diese ständigen Angebote annehmen. Aber wir Zukunftsforscher rechnen mit 40% Projektarbeitern. Die wechseln alle zwei Jahre das Projekt und vermutlich auch das Unternehmen. In dieser Zeit des immer neuen Patchwork und der fluiden Unternehmen sind starke, persönliche Netzwerke das A und O, sowohl bei Unternehmen, ihren Führungskräften als auch bei jedem Einzelnen von uns.

Bei all den Berechnungen, Datenanalysen, Zukunftsprognosen – können wir künftig mit Zufällen, Schicksalen oder Krankheiten überhaupt noch umgehen bzw. ihnen standhalten?

Wir müssen nicht drumherum reden: Es wird künftig weniger Zufälle geben. Mit jeder neuen, digitalen Technologieentwicklung wird das Schicksal berechenbarer. Und das ist gut. Denn es verhilft uns dazu, weniger krank zu sein, länger zu leben, selbstbestimmter zu agieren. Auf der anderen Seite werden wir in Zukunft wohl auch so manches Mal unsere digitalen Assistenten einfach ausschalten, weil wir nicht alles vorausberechnet haben wollen, weil wir uns treiben lassen und überraschen lassen wollen. Das Recht auf Überraschung wird eines der wertvollsten Dinge in unserem Leben werden.

BUKO-Tipp: Sven Gábor Jánsky spricht am Samstag, 15.09.2018 um 14 Uhr, zum Thema "Das Leben im Jahr 2030".